Zirkuläres Bauen ist weit mehr als die Wahl nachhaltiger Materialien. Jasna Moritz, Dipl.-Ing. Architektin und Partnerin bei kadawittfeldarchitektur, zeigt, warum die entscheidenden Weichen bereits in den frühen Planungsphasen gestellt werden – von der Standortwahl über die Gebäudestruktur bis hin zum Nutzungskonzept.
Nachhaltigkeit begleitet kadawittfeldarchitektur seit vielen Jahren. Dabei geht es nicht nur um energetische oder technische Fragestellungen, sondern immer auch um die Frage, welchen gesellschaftlichen Mehrwert Architektur schaffen kann. Die zunehmende Erkenntnis, wie stark der Bausektor Ressourcen verbraucht, die zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen müssten, war ein wichtiger Wendepunkt. Daraus entstand die Notwendigkeit, den eigenen Umgang mit Ressourcen und die Planungspraxis grundlegend zu hinterfragen.
Ein wesentlicher Ausdruck dieser Haltung ist der Umgang mit dem Bestand. Für kadawittfeldarchitektur ist es selbstverständlich, vorhandene Gebäude und Strukturen als wertvolle Ressource zu begreifen, sie zu erhalten, mutig weiterzubauen und behutsam zu revitalisieren. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Bestand ist der größte Hebel für den Schutz von Ressourcen und zugleich Ausdruck baukultureller Qualität. Er verlangt gestalterische Sorgfalt, eine genaue Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen und die Bereitschaft, Potenziale sichtbar zu machen, anstatt sie zu ersetzen – einer Haltung, der sich das Büro seit jeher verpflichtet fühlt.
Ein prägender Moment auf diesem Weg war der Besuch des Stadthauses in Venlo. Dort wurde für Jasna Moritz sichtbar, wie zirkuläres Bauen praktisch funktionieren kann. Die Verbindung aus Architektur, Materialverständnis und einer konsequenten Haltung gegenüber Ressourcen führte zu der Erkenntnis, dass Architektur künftig anders gedacht werden muss. Zirkularität wurde dabei nicht als einzelne technische Lösung verstanden, sondern als Veränderung des gesamten Planungsprozesses.
Für Moritz bedeutet zirkuläres Bauen vor allem Ressourcenschonung. Entscheidend ist die Frage, wie Gebäude so entwickelt werden können, dass sie langfristig funktionieren und sich an zukünftige Veränderungen anpassen lassen.
Dabei werden klassische Raumprogramme stärker hinterfragt. Ein Gebäude sollte nicht nur auf eine aktuelle Nutzung reagieren, sondern flexibel und robust genug sein, um unterschiedliche Anforderungen über seine Lebensdauer hinweg aufnehmen zu können. Anpassungsfähige Strukturen und veränderbare Grundrisse tragen dazu bei, die Nutzungsdauer eines Gebäudes zu verlängern.
Der wichtigste Hebel liegt deshalb bereits am Anfang eines Projekts: beim Standort und bei der Entwicklung der Grundstruktur. Jede Planung beginnt mit der Analyse des Ortes. Neben energetischen Aspekten spielen Klima, Wind, Sonneneinstrahlung und natürliche Durchlüftung eine wichtige Rolle. Auch die städtebauliche Einbindung, die Beziehung zum Umfeld und die Qualität des Ortes beeinflussen den Entwurf maßgeblich.
Digitale Werkzeuge und Klimadaten unterstützen dabei, verschiedene Varianten frühzeitig zu bewerten. Sie machen sichtbar, welche Auswirkungen grundlegende Entscheidungen haben können – oft mit größerer Wirkung als spätere technische Optimierungen.
Bereits die Entwicklung des Baukörpers entscheidet wesentlich über den Ressourcenverbrauch eines Gebäudes. Kompakte Strukturen, effiziente Flächennutzung und ein kritischer Blick auf das Raumprogramm schaffen wichtige Einsparpotenziale. Zirkuläres Bauen beginnt deshalb nicht erst bei wiederverwendbaren Materialien, sondern bei der Frage, ob ein Gebäude in seiner Grundstruktur sinnvoll entwickelt ist.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Tragwerk. Bereits in frühen Planungsphasen arbeitet kadawittfeldarchitektur eng mit Tragwerksplanenden zusammen. Die entscheidende Frage lautet: Wie kann möglichst wenig Material eingesetzt und gleichzeitig eine langfristig funktionierende Konstruktion entwickelt werden?
Dabei geht es nicht darum, einzelne Baustoffe grundsätzlich zu bevorzugen, sondern die jeweils sinnvollste Lösung für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu finden. Früh getroffene Entscheidungen können spätere Umnutzungen, Anpassungen oder eine Wiederverwendung von Bauteilen ermöglichen.
Zirkuläres Bauen ist für Moritz immer auch eine Frage der Zusammenarbeit. Nachhaltigkeitsziele von Bauherrschaften müssen auf den konkreten Standort und das jeweilige Projekt übertragen werden. Dafür braucht es einen frühen Austausch aller Beteiligten und ein gemeinsames Verständnis der Aufgabe.
Workshops und eine enge Abstimmung zwischen Architektur, Tragwerksplanung, Fachplanenden und Bauherrschaft schaffen die Grundlage für gute Lösungen. Entscheidend ist dabei nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern auch die gemeinsame Haltung im Team: die Bereitschaft, gewohnte Abläufe zu hinterfragen und neue Wege zu entwickeln.
Zirkuläres Bauen verändert auch den Umgang mit Materialien und die architektonische Sprache. Materialien werden zunehmend sichtbar eingesetzt und dürfen ihre Eigenschaften zeigen. Dadurch entsteht eine Architektur mit mehr Haptik, Sinnlichkeit und einer bewussteren Alterungsfähigkeit.
Gleichzeitig entwickelt sich die Bauindustrie weiter. Immer mehr Systeme werden so konzipiert, dass Bauteile getrennt, wiederverwendet oder später weiter genutzt werden können. Gebäude werden zunehmend nicht nur als fertige Objekte betrachtet, sondern auch als Materiallager für zukünftige Generationen.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung ist die Nutzung vorhandener Ressourcen. Bereits in frühen Planungsphasen wird untersucht, welche Materialien erhalten oder wiederverwendet werden können und welche Potenziale der Standort bietet. Ziel ist es, Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten und regionale Ressourcen stärker einzubeziehen.
Digitale Werkzeuge unterstützen die Entwicklung zirkulärer Gebäude. BIM, Simulationen, CO₂-Bilanzen und Klimaanalysen helfen dabei, Auswirkungen von Entscheidungen sichtbar zu machen und unterschiedliche Varianten zu vergleichen.
Trotz dieser Möglichkeiten bleibt die eigentliche planerische Verantwortung bei den Menschen. Werkzeuge können Informationen liefern und Entscheidungen unterstützen, ersetzen aber nicht die Erfahrung, Interpretation und das kreative Denken der Planenden.
Für Jasna Moritz ist zirkuläres Bauen vor allem eine Frage der Planungsqualität. Die wichtigsten Entscheidungen entstehen am Anfang eines Projekts – bei der Betrachtung des Ortes, der Entwicklung der Struktur und der Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Nachhaltige Architektur entsteht nicht erst im Detail, sondern in den grundlegenden Entscheidungen über System, Struktur und Haltung. Zirkuläres Bauen bedeutet deshalb, Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu denken und Verantwortung für zukünftige Nutzungen und Generationen zu übernehmen.
Dieser Wissensbaustein wurde am 3. Juni 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.
Unsere Gäste an diesem Tag waren:
Daniel Imhäuser, Gesellschafter und Geschäftsführer Blasius Schuster
Michael Scharpf, Leiter Nachhaltiges Bauen Holcim Deutschland
Jasna Moritz, Dipl.-Ing. Architektin, Partnerin kadawittfeldarchitektur