Dr. Christine Lemaitre spricht mit Rechtsanwalt Michael Halstenberg über die rechtlichen Rahmenbedingungen für Bauprodukte, die Wiederverwendung von Materialien und die praktischen Herausforderungen des zirkulären Bauens – und zeigt, wie neue Standards den Weg zu einem nachhaltigeren Bauwesen ebnen können.
Zirkuläres Bauen bedeutet, Gebäude so zu planen und umzusetzen, dass Materialien möglichst lange genutzt, wiederverwendet und recycelt werden können. Ziel ist es, Abfälle zu vermeiden, Ressourcen zu schonen und die Umweltbelastung des Bauens deutlich zu reduzieren.
Im Gespräch wird deutlich: Rechtlich wird bisher kaum zwischen neuen, gebrauchten, nachhaltigen oder zirkulären Bauprodukten unterschieden. Entscheidend ist allein, dass Bauprodukte die geltenden technischen Anforderungen erfüllen – unabhängig davon, ob sie neu oder wiederverwendet sind.
Zirkuläres Bauen heißt: Materialien werden nicht nach einmaliger Nutzung entsorgt, sondern repariert, wiederverwendet oder recycelt. So entstehen Kreisläufe statt Müll.
Das Baurecht stellt klare Anforderungen an Bauprodukte, insbesondere wenn sie sicherheitsrelevant sind. Dazu gehören unter anderem:
• Standsicherheit
• Brandschutz
• Wärme- und Schallschutz
• Gesundheitsschutz (keine Schadstoffe)
Diese Anforderungen gelten für alle Bauprodukte – egal, ob sie neu hergestellt oder aus einem Rückbau stammen.
Unproblematisch sind viele einfache Bauteile wie Türklinken, Fußleisten oder Nägel. Sobald jedoch sicherheitsrelevante Eigenschaften betroffen sind, müssen Leistungswerte bekannt und nachweisbar sein.
Bauprodukte müssen sicher sein. Sie dürfen keine Gefahr für Menschen darstellen und müssen technische Mindeststandards erfüllen – auch dann, wenn sie wiederverwendet werden.
Ein zentrales Thema sind Materialpässe: Sie dokumentieren, welche Materialien in einem Gebäude verbaut sind, in welcher Qualität sie vorhanden sind und wie sie später wiederverwendet werden können. Das Gespräch zeigt praxisnah, wie Materialpässe erstellt werden und welchen Mehrwert sie für Planende, Bauende und Eigentümerinnen und Eigentümer haben.
Seit dem 7. Januar 2025 ist die neue EU-Bauproduktenverordnung in Kraft. Sie gilt unmittelbar in allen Mitgliedstaaten und greift erstmals Themen wie Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit auf.
Allerdings hilft sie aktuell noch wenig in der Praxis. Denn erst wenn auf ihrer Grundlage neue Mandate erteilt und harmonisierte Produktnormen entwickelt werden, entstehen konkrete Anforderungen für Hersteller – und damit auch klare Rahmenbedingungen für zirkuläre Bauprodukte.
Die neue Bauproduktenverordnung soll langfristig den Weg für mehr Wiederverwendung und Recycling im Bauwesen ebnen. Konkrete Standards fehlen jedoch größtenteils noch.
In der Praxis ist die Wiederverwendung dort am weitesten, wo Materialien gut prüfbar sind. Dazu zählen vor allem:
• Stahlträger
• Massivholz
• teilweise Stahlbetonbauteile
Für diese Materialien existieren bereits Leitfäden und erste Standards, etwa aus Brandenburg oder vom Karlsruher Institut für Technologie.
Ein zentrales Problem ist die fehlende Dokumentation: Bei neuen Produkten liefert der Hersteller geprüfte Leistungswerte. Bei gebrauchten Bauteilen müssen Herkunft, Zustand, Belastungen und Restnutzungsdauer erst aufwendig ermittelt werden.
Damit ein gebrauchtes Bauteil wieder eingesetzt werden kann, muss bekannt sein, wo es herkommt, wie es genutzt wurde und welche Leistung es noch erbringen kann.
Im Gespräch wird deutlich, dass zirkuläres Bauen aktuell noch stark an bestehenden Strukturen scheitert:
• Das Baurecht ist auf neue Produkte ausgelegt, nicht auf Wiederverwendung.
• Prüfaufwände sind oft teurer als der Neuprodukt-Einsatz.
• Einheitliche Bewertungsmaßstäbe fehlen.
• Öffentliche und private Akteure sind uneinheitlich aufgestellt.
• Materialknappheit: Hochbau-Materialien stehen oft nicht in ausreichender Menge für vollständige Wiederverwendung zur Verfügung.
• Transportaufwand kann Klimaschutzvorteile zunichtemachen, wenn Materialien über große Distanzen transportiert werden.
• Downcycling ist häufig: Abbruchmaterial wird z. B. im Straßenbau eingesetzt, statt original wiederverwendet.
• Zirkuläre Bauprodukte und Materialpässe sind entscheidend für nachhaltiges Bauen.
• Kreislaufwirtschaft reduziert Abfälle, spart Ressourcen und senkt langfristige Kosten.
• Kooperationen zwischen allen Akteuren sind zentral für den Erfolg.
• Wer die Konzepte versteht, kann aktiv zur nachhaltigen Transformation des Bausektors beitragen.
Das Gespräch zeigt klar: Zirkuläres Bauen ist zentral für eine nachhaltige Bauwende, stößt aber derzeit noch auf rechtliche, technische und organisatorische Grenzen. Ohne neue Standards, verlässliche Prüfverfahren und angepasste rechtliche Rahmenbedingungen bleibt Wiederverwendung oft ein Sonderfall.
Gleichzeitig wird deutlich, wie groß das Potenzial ist. Wer heute an Standards, Leitfäden und Bewertungsmodellen arbeitet, legt das Fundament für ein Bauwesen, das Ressourcen schont, Emissionen senkt und Gebäude wirklich als Materiallager der Zukunft versteht.
Denke Wiederverwendung von Anfang an mit. Plane Projekte so, dass Bauteile dokumentiert, geprüft und später leicht wiederverwendet werden können. Nutze bestehende Leitfäden, arbeite mit Fachleuten zusammen und unterstütze die Entwicklung neuer Standards – so wird zirkuläres Bauen Schritt für Schritt umsetzbar statt Ausnahmefall.