Alexander Rudolphi, Geschäftsführer der Rudolphi + Rudolphi GmbH, spricht über die Grenzen des zirkulären Bauens, fehlende wirtschaftliche Modelle und die Frage, wie aus alten Baustoffen wieder Produkte werden können. Entscheidend seien dabei vor allem Skalierbarkeit, Produktdesign, Herstellerinformationen und regionale Strukturen.
Alexander Rudolphi beschäftigt sich seit rund 40 Jahren mit Nachhaltigkeit im Bauwesen. Als Holzbauingenieur kam er früh mit den Problemen von Holzschutzmitteln in Berührung. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde das Thema für ihn zunehmend relevant, später auch durch das Frankfurter Schutzmittel-Urteil.
Er gründete ein Baubiologisches Ingenieurkollektiv in Berlin, das Baubüro Schöneberg. Bald kamen Kunden, die ihre Gebäude sanieren wollten, allerdings ohne Holzschutzmittel. Aus dieser Arbeit entwickelte sich sein langfristiges Engagement für nachhaltiges Bauen und schließlich auch seine Beteiligung an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Später lehrte Rudolphi an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, zunächst Holzbau-Statik, später nachhaltiges Bauen. Seit Juni 2026 ist er DGNB-Ehrenpräsident.
Beim Begriff „Circular Economy“ unterscheidet Rudolphi zwischen Produktionsabfällen und der Wiederverwendung oder dem Recycling von Bauteilen aus bestehenden Gebäuden. Gerade bei alten Bauteilen seien die Mengen, die Verteilung und die unterschiedlichen Materialien ein Problem.
Bei Fenstern zeigt sich das deutlich: Bei einer Sanierung in Berlin wurden 500 Fenster ausgebaut. In einen Container passten nur etwa 20 bis 30 Fenster. Wer Transport und Verwertung bezahlt, sei unklar. Für solche Systeme brauche es Logistik, regionale Aufbereitung sowie Lager- und Sammeltechnik.
Viele Projekte zur Wiederverwendung seien nicht wirtschaftlich. Sie würden vor allem von Menschen getragen, die von der Idee überzeugt sind. Für eine Kreislaufwirtschaft reichten solche Projekte nicht aus, wenn sie sich nicht auf größere Mengen übertragen ließen. Rudolphi stellt 5.000 wiederverwendete Fenster 12 Millionen Fenstereinheiten gegenüber, die jedes Jahr neu gebaut werden.
Kreislaufwirtschaft: Materialien und Produkte sollen möglichst lange genutzt, wiederverwendet oder recycelt werden.
Standardisierung könne die Wiederverwendung erleichtern. Trotzdem erwartet Rudolphi, dass sich vieles eher in Richtung werkstoffliches Recycling entwickeln wird.
Beim Recycling reicht es nicht, ein altes Material aufzubereiten. Daraus müsse wieder ein Produkt werden. Dafür gelten Normen und bestimmte Eigenschaften. Das Produkt müsse ausschreibungsfähig sein und Gewährleistung ermöglichen.
Kalksandstein könne mehrfach wieder zu Kalksandstein verarbeitet werden, solange kein Gips aufgebracht werde.
Auch bei Holz müsse schon bei der Planung berücksichtigt werden, wie ein Bauteil später wieder verwendet werden kann. Dafür müssten Hersteller angeben, welche Materialfraktion später gebraucht wird. Das betrifft auch das Produktdesign: Bei Verbundprodukten müsse schon bei der Entwicklung berücksichtigt werden, wie die einzelnen Bestandteile später getrennt werden können.
Verbundprodukt: Ein Produkt, das aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt ist.
Rudolphi sieht außerdem die Ausschreibung als Möglichkeit, Anforderungen an Materialien und Produkte in den Markt zu bringen. Danach gehe es um die Skalierung. Moralische Argumente allein reichen für ihn nicht. Eine Kreislaufwirtschaft brauche ein wirtschaftliches Modell für die Rückführung von Materialien.
Auch Schadstoffe schränken die Wiederverwendung ein. Im Bestand können unter anderem alte Elektrokabel, Schwermetalle, Blei, Korrosionsschutzanstriche, Mineralöle, Mineralfasern, Asbest und alte Kleber vorkommen.
Deshalb müsse der Bestand zunächst mit einem Gefahrstoffgutachten untersucht werden. Danach müsse festgestellt werden, was beschädigt oder belastet ist. Erst dann könne geprüft werden, was weiter genutzt werden kann.
Hinzu kommen heutige Normen und Regelwerke. Sie können beispielsweise bei Fenstern und Rohren einer Wiederverwendung entgegenstehen.
Rudolphi sieht eine Möglichkeit darin, mit weniger unterschiedlichen Materialien zu bauen. Eine Fassade müsse nicht aus einer Vielzahl von Materialien bestehen. Nicht alles müsse gekauft werden, vieles könne konstruktiv gelöst werden.
Auch Kommunen und Länder könnten eine Rolle spielen, etwa indem Bereiche mit hoher Toxizität, großen Materialmengen oder großen CO₂-Fußabdrücken stärker geregelt werden. Gleichzeitig brauche es wirtschaftliche Geschäftsmodelle: Die Kosten für Primärmaterialien und Entsorgung könnten Anreize für Hersteller schaffen, Recycling und Wiederverwendung anzubieten. Hersteller sollten außerdem angeben, was nach der Nutzung mit einem Produkt passiert – etwa ob sie es zurücknehmen, ein Leasingmodell anbieten oder unter welchen Bedingungen es wieder eingebaut werden kann.
Primärmaterialien sind neu gewonnene Materialien, die noch nicht aus recycelten Stoffen hergestellt wurden.
Rudolphi warnt vor einfachen Lösungen und setzt stattdessen auf eine transparente Ökobilanzierung, die Architekten in ihre Planung einbeziehen können. Entscheidend sei, was am Ende mit den Materialien passiert. Dafür brauche es auch regionale Strukturen, denn beispielsweise der Transport von Fenstern über 500 Kilometer zu einer Recyclinganlage sei wirtschaftlich kaum darstellbar.
Zirkuläres Bauen lässt sich aus Rudolphis Sicht nicht allein mit einzelnen Projekten voranbringen. Es braucht Lösungen, die wirtschaftlich sind und sich auf große Mengen übertragen lassen.
Dafür müssen Produkte schon bei der Entwicklung auf Recycling und Wiederverwendung ausgelegt sein. Hersteller müssen Informationen zu Rücknahme, Trennung und Wiedereinbau liefern. Es braucht regionale Strukturen und wirtschaftliche Modelle. Gleichzeitig bleibt der Umgang mit Schadstoffen im Bestand eine zentrale Herausforderung.
Dieser Wissensbaustein wurde am 8. Juli 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.
Unsere Gäste an diesem Tag waren:
Hartmut Schmid, Head of Sustainability Europe, CDM Smith
Tina Kammer, Professur Architektur Nachhaltiges Bauen, Inhaberin InteriorPark
Boris Kupke, Geschäftsführer der GBO Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach
Alexander Rudolphi, Rudolphi + Rudolphi GmbH
Aufnahme und Schnitt: Lucas Kühn