Kreislaufwirtschaft beginnt beim Bauen nicht mit Recycling, sondern mit dem Blick auf das, was bereits vorhanden ist. Muss überhaupt neu gebaut werden? Welche Gebäude, Flächen und Bauteile können weitergenutzt werden?
Katrin Mees beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesen Fragen. Als Architektin hat sie Erfahrungen im Rückbau, im nachhaltigen Bauen und in der Kreislaufwirtschaft gesammelt. Heute arbeitet sie an der Schnittstelle von nachhaltigem Bauen, Normung und Politik.
Bei jedem Bauvorhaben sollte zunächst die Ausgangslage betrachtet werden. Gibt es bereits ein Gebäude oder eine geeignete Fläche? Kann ein Bestand umgenutzt oder umgebaut werden? Welche Bauteile lassen sich wiederverwenden? Welche Schadstoffe und Materialströme sind vorhanden?
Auch sogenannte Brownfields – bereits genutzte oder brachliegende Flächen – sollten stärker in die Planung einbezogen werden.
Kreislaufgerechtes Bauen bedeutet damit vor allem: vorhandene Ressourcen erkennen und möglichst lange nutzen.
Damit Materialien im Kreislauf bleiben, müssen alle Beteiligten frühzeitig zusammenarbeiten: Bauherrschaft, Planung, Unternehmen, Hersteller und Behörden.
Noch stehen dem teilweise gesetzliche und normative Vorgaben entgegen. Die Praxis entwickelt sich häufig schneller als die Gesetzgebung. Innovative Rücknahmesysteme für Baustoffe zeigen beispielsweise, dass technische Lösungen bereits vorhanden sind, rechtliche Rahmenbedingungen aber noch nicht immer dazu passen.
Deshalb braucht es beides: praktische Pilotprojekte und eine Weiterentwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Besonders wichtig ist der Gebäudebestand. Schätzungen zufolge werden etwa 85 bis 95 Prozent des europäischen Gebäudebestands auch 2050 noch bestehen. Diese Gebäude müssen deshalb einen wesentlichen Beitrag zur Klimaneutralität leisten.
Dabei geht es nicht nur um Recycling, sondern um Weiter- und Umnutzung, Reparatur, Rückbau und die Wiederverwendung von Bauteilen. Gleichzeitig stehen moderne Aufbereitungs-, Sortier- und Trenntechnologien zur Verfügung, die eine stärkere Nutzung von Sekundärmaterial ermöglichen.
Ein Gebäude muss klimaresilient, klimaschonend und kreislaufgerecht geplant werden. Dabei spielt auch die Menge der eingesetzten Materialien eine entscheidende Rolle: So viel wie nötig, so wenig wie möglich – und die verwendeten Materialien möglichst lange im Kreislauf halten.
Kreislaufwirtschaft darf dabei nicht mit Verzicht gleichgesetzt werden. Sie ist auch eine wirtschaftliche Aufgabe. Die entwickelten Lösungen müssen nicht nur ökologisch sinnvoll sein, sondern auch für Unternehmen funktionieren und wirtschaftlich tragfähig sein.
Kreislaufwirtschaft beginnt mit einer anderen Frage: Nicht „Was bauen wir neu?“, sondern „Was können wir weiter nutzen?“ Viele Lösungen existieren bereits. Die entscheidende Aufgabe ist, sie zusammenzubringen, wirtschaftlich attraktiv zu machen und die Rahmenbedingungen so weiterzuentwickeln, dass aus einzelnen Pilotprojekten der Normalfall wird.
Dieser Wissensbaustein wurde am 21. Juli 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.
Unsere Gäste an diesem Tag waren:
Aufnahme und Schnitt: Lucas Kühn