Kreislaufwirtschaft braucht mehr als gute Ideen

Published on 27.08.2026
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German Sustainable Building Council - DGNB e.V.
Stadtwerke Offenbach

Alexander Rudolphi, Geschäftsführer der Rudolphi + Rudolphi GmbH, spricht über die Grenzen des zirkulären Bauens, fehlende wirtschaftliche Modelle und die Frage, wie aus alten Baustoffen wieder Produkte werden können. Entscheidend seien dabei vor allem Skalierbarkeit, Produktdesign, Herstellerinformationen und regionale Strukturen.

Alexander Rudolphi beschäftigt sich seit rund 40 Jahren mit Nachhaltigkeit im Bauwesen. Als Holzbauingenieur kam er früh mit den Problemen von Holzschutzmitteln in Berührung. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde das Thema für ihn zunehmend relevant, später auch durch das Frankfurter Schutzmittel-Urteil.
Er gründete ein Baubiologisches Ingenieurkollektiv in Berlin, das Baubüro Schöneberg. Bald kamen Kunden, die ihre Gebäude sanieren wollten, allerdings ohne Holzschutzmittel. Aus dieser Arbeit entwickelte sich sein langfristiges Engagement für nachhaltiges Bauen und schließlich auch seine Beteiligung an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Später lehrte Rudolphi an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, zunächst Holzbau-Statik, später nachhaltiges Bauen. Seit Juni 2026 ist er DGNB-Ehrenpräsident.

Zwischen Wiederverwendung und Recycling

Beim Begriff „Circular Economy“ unterscheidet Rudolphi zwischen Produktionsabfällen und der Wiederverwendung oder dem Recycling von Bauteilen aus bestehenden Gebäuden. Gerade bei alten Bauteilen seien die Mengen, die Verteilung und die unterschiedlichen Materialien ein Problem.

Bei Fenstern zeigt sich das deutlich: Bei einer Sanierung in Berlin wurden 500 Fenster ausgebaut. In einen Container passten nur etwa 20 bis 30 Fenster. Wer Transport und Verwertung bezahlt, sei unklar. Für solche Systeme brauche es Logistik, regionale Aufbereitung sowie Lager- und Sammeltechnik.

Viele Projekte zur Wiederverwendung seien nicht wirtschaftlich. Sie würden vor allem von Menschen getragen, die von der Idee überzeugt sind. Für eine Kreislaufwirtschaft reichten solche Projekte nicht aus, wenn sie sich nicht auf größere Mengen übertragen ließen. Rudolphi stellt 5.000 wiederverwendete Fenster 12 Millionen Fenstereinheiten gegenüber, die jedes Jahr neu gebaut werden.

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Kreislaufwirtschaft: Materialien und Produkte sollen möglichst lange genutzt, wiederverwendet oder recycelt werden.

Standardisierung könne die Wiederverwendung erleichtern. Trotzdem erwartet Rudolphi, dass sich vieles eher in Richtung werkstoffliches Recycling entwickeln wird.

Aus alten Materialien müssen wieder Produkte werden

Beim Recycling reicht es nicht, ein altes Material aufzubereiten. Daraus müsse wieder ein Produkt werden. Dafür gelten Normen und bestimmte Eigenschaften. Das Produkt müsse ausschreibungsfähig sein und Gewährleistung ermöglichen.
Kalksandstein könne mehrfach wieder zu Kalksandstein verarbeitet werden, solange kein Gips aufgebracht werde.

Auch bei Holz müsse schon bei der Planung berücksichtigt werden, wie ein Bauteil später wieder verwendet werden kann. Dafür müssten Hersteller angeben, welche Materialfraktion später gebraucht wird. Das betrifft auch das Produktdesign: Bei Verbundprodukten müsse schon bei der Entwicklung berücksichtigt werden, wie die einzelnen Bestandteile später getrennt werden können.

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Verbundprodukt: Ein Produkt, das aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt ist.

Rudolphi sieht außerdem die Ausschreibung als Möglichkeit, Anforderungen an Materialien und Produkte in den Markt zu bringen. Danach gehe es um die Skalierung. Moralische Argumente allein reichen für ihn nicht. Eine Kreislaufwirtschaft brauche ein wirtschaftliches Modell für die Rückführung von Materialien.

Schadstoffe begrenzen die Wiederverwendung

Auch Schadstoffe schränken die Wiederverwendung ein. Im Bestand können unter anderem alte Elektrokabel, Schwermetalle, Blei, Korrosionsschutzanstriche, Mineralöle, Mineralfasern, Asbest und alte Kleber vorkommen.
Deshalb müsse der Bestand zunächst mit einem Gefahrstoffgutachten untersucht werden. Danach müsse festgestellt werden, was beschädigt oder belastet ist. Erst dann könne geprüft werden, was weiter genutzt werden kann.

Hinzu kommen heutige Normen und Regelwerke. Sie können beispielsweise bei Fenstern und Rohren einer Wiederverwendung entgegenstehen.

Rudolphi sieht eine Möglichkeit darin, mit weniger unterschiedlichen Materialien zu bauen. Eine Fassade müsse nicht aus einer Vielzahl von Materialien bestehen. Nicht alles müsse gekauft werden, vieles könne konstruktiv gelöst werden.

Wirtschaftliche Modelle und regionale Strukturen

Auch Kommunen und Länder könnten eine Rolle spielen, etwa indem Bereiche mit hoher Toxizität, großen Materialmengen oder großen CO₂-Fußabdrücken stärker geregelt werden. Gleichzeitig brauche es wirtschaftliche Geschäftsmodelle: Die Kosten für Primärmaterialien und Entsorgung könnten Anreize für Hersteller schaffen, Recycling und Wiederverwendung anzubieten. Hersteller sollten außerdem angeben, was nach der Nutzung mit einem Produkt passiert – etwa ob sie es zurücknehmen, ein Leasingmodell anbieten oder unter welchen Bedingungen es wieder eingebaut werden kann.


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Primärmaterialien sind neu gewonnene Materialien, die noch nicht aus recycelten Stoffen hergestellt wurden.

Rudolphi warnt vor einfachen Lösungen und setzt stattdessen auf eine transparente Ökobilanzierung, die Architekten in ihre Planung einbeziehen können. Entscheidend sei, was am Ende mit den Materialien passiert. Dafür brauche es auch regionale Strukturen, denn beispielsweise der Transport von Fenstern über 500 Kilometer zu einer Recyclinganlage sei wirtschaftlich kaum darstellbar.

Fazit

Zirkuläres Bauen lässt sich aus Rudolphis Sicht nicht allein mit einzelnen Projekten voranbringen. Es braucht Lösungen, die wirtschaftlich sind und sich auf große Mengen übertragen lassen.

Dafür müssen Produkte schon bei der Entwicklung auf Recycling und Wiederverwendung ausgelegt sein. Hersteller müssen Informationen zu Rücknahme, Trennung und Wiedereinbau liefern. Es braucht regionale Strukturen und wirtschaftliche Modelle. Gleichzeitig bleibt der Umgang mit Schadstoffen im Bestand eine zentrale Herausforderung.

Dieser Wissensbaustein wurde am 8. Juli 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.

Unsere Gäste an diesem Tag waren:

  • Hartmut Schmid, Head of Sustainability Europe, CDM Smith

  • Tina Kammer, Professur Architektur Nachhaltiges Bauen, Inhaberin InteriorPark

  • Boris Kupke, Geschäftsführer der GBO Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach

  • Alexander Rudolphi, Rudolphi + Rudolphi GmbH

Aufnahme und Schnitt: Lucas Kühn

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Prof. Alexander Rudolphi
Prof. Alexander Rudolphi ist Geschäftsführer der Rudolphi + Rudolphi GmbH. Seit 2013 leitet er das Beratungsbüro für Nachhaltiges Bauen und Bestandssanierung.

Nach seinem Studium des Bauingenieurwesens an der TH Darmstadt und der TU Berlin von 1972 bis 1980 führte er von 1981 bis 1986 ein Ingenieurbüro in Berlin mit den Schwerpunkten Bestandssanierung, Statik und ökologische Bautechnik.

Seit 1984 ist er als Sachverständiger für Holz- und Bautenschutz tätig. Von 1986 bis 1994 war er Referatsleiter für Schadensdiagnose, Sanierungstechnik und ökologisches Bauen am Zentrum für Bau- und Erhaltungstechnik Berlin (ZEBET) des Berliner Senats.

1994 war Alexander Rudolphi Mitbegründer der Gesellschaft für ökologische Bautechnik Berlin mbH (GfÖB) und bis 2010 deren Geschäftsführer. Von 2002 bis 2010 war er zudem Gründer und Geschäftsführer der RAL-Gütegemeinschaft Holzschutz und Bautenschutz e.V.

Zwischen 2004 und 2006 entwickelte und führte er ein Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude im Rahmen des Umweltpreises HafenCity Hamburg ein. Von 2005 bis 2020 hatte er eine Professur für Nachhaltiges Bauen und Abfallwirtschaft an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde inne. Von 2011 bis 2013 war er Segmentleiter Nachhaltigkeit und Integration der GfÖB als Geschäftsbereich der Arcadis Deutschland GmbH.

Seit 2007 engagiert sich Prof. Alexander Rudolphi in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er war Initiator und Gründungsmitglied der DGNB gemeinsam mit der GfÖB sowie von 2007 bis 2008 Gründungspräsident. Seit 2007 gehört er dem Präsidium der DGNB an. Von 2009 bis 2012 war er Vorsitzender des Zertifizierungsausschusses und ist seit 2009 als DGNB Auditor bei zahlreichen Projekten tätig. Von 2013 bis 2020 war er Präsident der DGNB. Seit 2014 ist er Mitglied der DGNB-Jury für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur.

Seit 2026 ist er Ehrenpräsident der DGNB.
Stadtwerke Offenbach
Die Stadtwerke Offenbach Holding GmbH (SOH) ist ein zu 100 Prozent kommunales Unternehmen der Stadt Offenbach am Main. Als Holding steuert und koordiniert sie 15 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften und übernimmt zentrale Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. Mit rund 1.000 Mitarbeitenden zählt die Unternehmensgruppe zu den wichtigsten kommunalen Dienstleistern der Region. Die Geschäftstätigkeit der Stadtwerke Offenbach gliedert sich in die vier Bereiche Mobilität, Stadtservice, Immobilien und Veranstaltungen. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem der öffentliche Personennahverkehr, die Stadtreinigung und Abfallwirtschaft, die Entwicklung und Bewirtschaftung von Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie der Betrieb von Veranstaltungs- und Sportstätten. Als kommunales Unternehmen verfolgt die Stadtwerke Offenbach Holding das Ziel, die Lebensqualität in Offenbach nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln. Durch Investitionen in Infrastruktur, Stadtentwicklung und moderne Dienstleistungen leistet die Unternehmensgruppe einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Entwicklung der Stadt. Dabei stehen Bürgerorientierung, Wirtschaftlichkeit und nachhaltiges Handeln im Mittelpunkt ihres Handelns.

www.offenbach.de
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
2007 gegründet, ist die DGNB heute mit mehr als 2.800 Mitgliedsorganisationen das größte Netzwerk seiner Art in Europa und weltweit die Nummer zwei. Übergeordnetes Ziel des Non-Profit-Vereins ist es, die Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft aktiv zu gestalten, das Verständnis für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bauweise zu fördern und dieses im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Die DGNB setzt sich ein für nachweislich gute Gebäude, lebenswerte Quartiere und eine zukunftsfähige gebaute Umwelt.

www.dgnb.de