Vom Abfall zum Rohstoff: Wie zirkuläres Bauen zum neuen Standard werden kann

Veröffentlicht am 16.07.2026
Dieses Wissen wurde gestiftet von:
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
Stadtwerke Offenbach
Circle – der Ort für zirkuläres Bauen

Baustoffe, die heute von einer Baustelle abtransportiert werden, sollten nicht automatisch als Abfall betrachtet werden. Vielmehr können sie Ausgangspunkt für neue Bauprodukte und damit Teil eines neuen Materialkreislaufs sein. Genau diesen Perspektivwechsel beschreibt Daniel Imhäuser, geschäftsführender Gesellschafter der Blasius Schuster Unternehmensgruppe und Initiator des Kreislaufwirtschafts-Hubs Circle – der Ort für zirkuläres Bauen.

Blasius Schuster hat sich in den vergangenen Jahren von einem Logistik- und Entsorgungsunternehmen zu einem Hersteller von Recycling-Baustoffen entwickelt. Dahinter steht ein grundlegender Wandel im Denken: Bauschutt, Bodenmaterial oder Altschotter sind nicht zwangsläufig wertlose Reststoffe. Je nach Qualität und Einsatzgebiet lassen sie sich aufbereiten und wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückführen.

Kreislaufwirtschaft als Wachstumsmarkt

Für Imhäuser ist zirkuläres Bauen deshalb nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine wirtschaftliche Chance. Die Bauwirtschaft bewegt enorme Mengen an Material. In Deutschland verlassen jedes Jahr mehrere hundert Millionen Tonnen Baustoffe und Bodenmaterial die Baustellen. Ein Teil davon könnte grundsätzlich wiederverwendet oder recycelt werden.

Gerade bei schweren Baustoffen spielt die Logistik eine entscheidende Rolle. Transportkosten können einen erheblichen Anteil am Gesamtpreis ausmachen – teilweise sogar mehr als der eigentliche Materialwert. Eine möglichst regionale Aufbereitung und Wiederverwendung kann daher nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sein.

Dabei geht es aus Sicht Imhäusers nicht darum, Primärrohstoffe vollständig durch Recyclingmaterialien zu ersetzen. Entscheidend sei vielmehr ein sinnvolles Zusammenspiel. Je nach Qualität, Preis, technischer Eignung und Entfernung müsse die jeweils beste Lösung gefunden werden.

Drei entscheidende Hebel für mehr zirkuläres Bauen

Um Recycling-Baustoffe stärker zum Standard zu machen, sieht Imhäuser drei zentrale Ansatzpunkte.

Der erste Hebel ist die öffentliche Hand. Als eine der größten Auftraggeberinnen im Bauwesen kann sie durch eine konsequente Nachfrage nach Recycling- und wiederverwendbaren Baustoffen wichtige Marktimpulse setzen.

Der zweite Faktor ist die Preisentwicklung. Natürliche Baustoffe können durch Inflation, steigende Nachfrage oder begrenzte Verfügbarkeiten teurer werden. Recycling-Produkte könnten dagegen mit größeren Mengen, effizienteren Verfahren und besseren Strukturen langfristig wirtschaftlich attraktiver werden.

Und dann gibt es noch einen dritten, weniger technischen Aspekt: die Vermittlung.
Beim Recycling von Konsumprodukten haben viele Menschen inzwischen konkrete Bilder im Kopf. Im Bauwesen ist das anders. Was aus Bauschutt, alten Betonbauteilen oder gebrauchtem Gleisschotter entsteht, bleibt für die meisten unsichtbar. Genau das müsse sich ändern. Die Herkunft eines Materials müsse verständlicher und auch emotional greifbarer werden.

Planende haben eine Schlüsselrolle

Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieure können den Einsatz zirkulärer Materialien bereits in einer sehr frühen Planungsphase berücksichtigen. Für Imhäuser liegt darin ein entscheidender Hebel.

Denn häufig kommt die Kreislaufwirtschaft zu spät in den Bauprozess. Wenn ein Generalunternehmer in die Planung einsteigt, sind viele grundlegende Entscheidungen bereits getroffen. Planende können dagegen gemeinsam mit den Bauherrinnen und Bauherren frühzeitig festlegen, welche Bauteile wiederverwendet werden können und an welchen Stellen Recycling-Baustoffe zum Einsatz kommen.

Gerade bei großen Materialmengen müsse zudem stärker vermittelt werden, welchen Wert Recycling-Baustoffe tatsächlich haben. Wiederverwendete Bauteile sind sichtbar und können eine Geschichte erzählen. Recycelte Gesteinskörnungen oder Recyclingbeton bleiben dagegen meist unsichtbar – obwohl auch sie Teil funktionierender Materialkreisläufe sind.

Recycling ist regional

Nicht jedes Material kann überall auf die gleiche Weise sinnvoll eingesetzt werden. Die beste Lösung hängt von den vorhandenen Rohstoffen, den technischen Anforderungen und den Transportwegen ab.

Ein Material, das direkt in der Nähe für den Straßenbau verwendet werden kann, sollte nicht unbedingt über weite Strecken transportiert werden, nur um es in einer vermeintlich höherwertigen Anwendung einzusetzen. Am Ende stellt sich deshalb immer auch die Frage: Wo ist die wirtschaftlich und ökologisch sinnvollste Verwendung?

Gerade bei schweren Baustoffen ist diese regionale Betrachtung entscheidend. Bauen ist in hohem Maße regional – und das gilt auch für die Kreislaufwirtschaft.

Vom Gleisschotter bis zum Recyclingbeton

Ein Beispiel für einen funktionierenden Materialkreislauf ist alter Gleisschotter. Nach Jahrzehnten kann die Kornform so verändert sein, dass das Material nicht mehr für den Einsatz im Gleisbett geeignet ist. Das Gestein selbst bleibt jedoch wertvoll.

Nach einer entsprechenden Aufbereitung kann es beispielsweise als Ausgangsmaterial für neue Betonprodukte dienen. Aus einem Material, das für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr geeignet ist, entsteht so ein neuer Baustoff.

Solche Kreisläufe sollen im Circle – der Ort für zirkuläres Bauen sichtbar und verständlich werden. Besucherinnen und Besucher können dort nachvollziehen, wie aus Bauschutt über verschiedene Aufbereitungsstufen wieder ein nutzbarer Baustoff entsteht.

Digitalisierung kann Materialströme besser steuern

Auch die Digitalisierung wird für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen eine wichtige Rolle spielen. Kamerasysteme und künstliche Intelligenz könnten künftig dabei helfen, die Zusammensetzung von Bauschutt automatisiert zu erkennen.

Das würde eine deutlich gezieltere Steuerung der Materialströme ermöglichen. Nicht jede Lkw-Ladung aus einem Rückbauprojekt müsste dann zwangsläufig beim gleichen Recyclingunternehmen landen. Je nach Zusammensetzung könnten einzelne Ladungen zu unterschiedlichen, spezialisierten Aufbereitungsanlagen gebracht werden.

Auf diese Weise ließen sich Materialqualität, Transportwege und Recyclingverfahren besser aufeinander abstimmen. Denkbar ist zudem, dass digitale Systeme künftig direkt mit Unternehmenssoftware und Zertifizierungsprozessen verbunden werden.

Mehr Einheitlichkeit bei der Ersatzbaustoffverordnung

Die grundsätzliche Idee der Ersatzbaustoffverordnung bewertet Imhäuser positiv. Einheitliche Regeln können für mehr Vergleichbarkeit und Sicherheit sorgen. In der praktischen Anwendung sei das System jedoch teilweise komplex.

Je nachdem, wofür ein Material später eingesetzt werden soll, gelten unterschiedliche Prüf- und Analyseverfahren. Eine stärkere Vereinheitlichung könnte deshalb dazu beitragen, Recycling-Baustoffe einfacher zu bewerten und zu handeln.

Wichtig sei, dass geprüfte Ausgangsparameter eines Materials verlässlich für die weitere technische Verwendung genutzt werden können. Einheitliche und nachvollziehbare Regeln könnten so Vertrauen schaffen und die Marktsicherheit erhöhen.

Der nächste Schritt: Kreislaufwirtschaft sichtbar machen

In der Bauwirtschaft sieht Imhäuser noch großes Potenzial. Ein erheblicher Teil der heute anfallenden Baustoffe könnte grundsätzlich wiederverwendet oder recycelt werden. Gleichzeitig muss die jeweilige Lösung technisch sinnvoll, regional umsetzbar und wirtschaftlich vertretbar sein.

Dafür braucht es das Zusammenspiel aller Beteiligten: Bauherrinnen und Bauherren, öffentliche Auftraggeber, Planende, Bauunternehmen, Hersteller und Recyclingunternehmen.

Imhäuser verbindet damit eine klare Vision. Öffentliche Bauvorhaben sollten alle technisch möglichen Chancen zur Wiederverwendung und zum Einsatz von Recycling-Baustoffen nutzen. Planende sollten die vorhandenen Möglichkeiten frühzeitig in ihre Konzepte integrieren. Und auch gesellschaftlich müsse sich die Wahrnehmung von Baustoffen verändern.

Denn Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist nicht nur eine Frage von Technik, Normen und Preisen. Sie braucht auch neue Bilder.

Aus dem, was heute als Abbruchmaterial gilt, können die Rohstoffe für die Gebäude von morgen werden.

Fazit

Bauen muss stärker in Kreisläufen gedacht werden. Was heute als Abfall gilt, kann der Rohstoff von morgen sein. Dafür braucht es eine frühzeitige Planung, klare und verlässliche Regeln sowie das Zusammenspiel aller Beteiligten.

Entscheidend ist, Materialien nicht erst am Ende ihres Lebenszyklus zu betrachten, sondern ihre Wiederverwendung und Aufbereitung von Anfang an mitzudenken. Zirkuläres Bauen ist damit nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine wirtschaftliche Chance.

Dieser Wissensbaustein wurde am 3. Juni 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.

Unsere Gäste an diesem Tag waren:

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Daniel Imhäuser
Daniel Imhäuser ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Er ist Initiator von Circle, einer Kooperation für zirkuläres Bauen, in der mehr als 90 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert sind.

Außerdem ist er Mitglied des Vorstandes des BDE (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e.V.) und bekleidet dort auch das Amt des Vorsitzenden des Bereichs Steuern und Wettbewerb.

Darüber hinaus ist er Mitglied im Mittelstandsausschuss von BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) und BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) sowie in verschiedenen Beiräten im Bereich von Kreislaufwirtschaft- und Logistik.

Imhäuser ist Ehrenbürger einer französischen Stadt, Ehrenpreisträger des Südwestrundfunks und war Stipendiat des Bundesverbands der Industrie. Ihm ist wichtig, Baustoffe nachhaltig in den Kreislauf zurückzuführen, entsprechende Strukturen weiterzuentwickeln und so eine zukunftsfähige Bau- und Immobilienwirtschaft zu gestalten.

www.circle-hub.de
Stadtwerke Offenbach
Die Stadtwerke Offenbach Holding GmbH (SOH) ist ein zu 100 Prozent kommunales Unternehmen der Stadt Offenbach am Main.

Als Holding steuert und koordiniert sie 15 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften und übernimmt zentrale Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. Mit rund 1.000 Mitarbeitenden zählt die Unternehmensgruppe zu den wichtigsten kommunalen Dienstleistern der Region.

Die Geschäftstätigkeit der Stadtwerke Offenbach gliedert sich in die vier Bereiche Mobilität, Stadtservice, Immobilien und Veranstaltungen. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem der öffentliche Personennahverkehr, die Stadtreinigung und Abfallwirtschaft, die Entwicklung und Bewirtschaftung von Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie der Betrieb von Veranstaltungs- und Sportstätten.

Als kommunales Unternehmen verfolgt die Stadtwerke Offenbach Holding das Ziel, die Lebensqualität in Offenbach nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln. Durch Investitionen in Infrastruktur, Stadtentwicklung und moderne Dienstleistungen leistet die Unternehmensgruppe einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Entwicklung der Stadt. Dabei stehen Bürgerorientierung, Wirtschaftlichkeit und nachhaltiges Handeln im Mittelpunkt ihres Handelns.

www.offenbach.de
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
2007 gegründet, ist die DGNB heute mit mehr als 2.800 Mitgliedsorganisationen das größte Netzwerk seiner Art in Europa und weltweit die Nummer zwei.

Übergeordnetes Ziel des Non-Profit-Vereins ist es, die Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft aktiv zu gestalten, das Verständnis für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bauweise zu fördern und dieses im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern.

Die DGNB setzt sich ein für nachweislich gute Gebäude, lebenswerte Quartiere und eine zukunftsfähige gebaute Umwelt.

www.dgnb.de