Die Bauwirtschaft steht vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits muss sie ihren hohen CO₂-Ausstoß reduzieren, andererseits den Verbrauch natürlicher Ressourcen senken. Beides hängt zusammen – ist aber nicht dasselbe.
Michael Scharpf, Leiter Nachhaltiges Bauen bei Holcim Deutschland, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit nachhaltigem und zirkulärem Bauen. Für ihn beginnt der notwendige Wandel mit einem konsequenten Perspektivwechsel: Materialien sollten möglichst lange, eigentlich für immer, im Kreislauf bleiben und nicht nach einmaliger Nutzung zu Abfall werden.
Scharpf beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, wie nachhaltiger gebaut werden kann. Seine berufliche Laufbahn begann als Architekt, später wechselte er in die Projektsteuerung. Mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) im Jahr 2007 rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie nachhaltiges Bauen in der Immobilienwirtschaft professionell umgesetzt werden kann.
Über die Gebäudezertifizierung führte sein Weg schließlich zu einem Hersteller von Zement- und Beton und Gesteinskörnung.
Heute beschäftigt er sich unter anderem damit, wie sich CO₂-Emissionen reduzieren und Ressourcen schonen lassen. Dabei sieht Scharpf zwei zentrale Themen, die nicht miteinander verwechselt werden sollten: den hohen CO₂-Fußabdruck des Zements und den großen Ressourcenverbrauch bei der Gesteinskörnung.
CO₂-optimierter Beton und Recyclingbeton setzen deshalb an unterschiedlichen Stellen an.
Beton besteht im Wesentlichen aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser. Der Zement dient als Bindemittel und verursacht einen großen Teil des CO₂-Fußabdrucks. Die Gesteinskörnung wiederum dient als Trägermaterial, das Volumen und Stabilität verleiht. Sie stammt häufig aus natürlichen Rohstoffquellen.
Die Gesteinskörnung besteht aus Sand, Kies oder Splitt. Sie macht den größten Teil des Betons aus und sorgt dafür, dass er fest, stabil und widerstandsfähig ist.
Für Scharpf ist deshalb wichtig, beide Themen getrennt zu betrachten.
„Mit dem Recyclingbeton hast du weder weniger noch mehr CO₂-Fußabdruck, aber du zahlst dann einfach auf ein anderes Konto ein, nämlich dass das Ressourcenschutz ist“, sagt er.
Recyclingbeton und CO₂-optimierter Beton verfolgen damit unterschiedliche Ziele. Sie können sich ergänzen, adressieren aber jeweils ein anderes Problem.
Bei CO₂-reduziertem Beton hält Scharpf Einsparungen von 30 bis 50 Prozent gegenüber dem Branchen-Referenzwert für realistisch. Je stärker der CO₂-Ausstoß reduziert wird, desto eher können sich allerdings Eigenschaften wie die Frühfestigkeit des Betons verändern.
Technisch sei das grundsätzlich kein Nachteil. Für Bauherren könne es jedoch relevant sein, wenn beispielsweise eine schnelle Fertigstellung angestrebt oder längere Nachbehandlung nicht gewünscht wird.
Beim heutigen Beton- und mineralischen Recycling sieht Scharpf noch Potenzial. Häufig werden Materialien derzeit vergleichsweise grob gebrochen und anschließend wieder eingesetzt. Für eine weitergehende Kreislaufwirtschaft müsse die Aufbereitung von Betongranulat noch differenzierter werden, um die Gesteinskörnung und den Zementleim in einem Beton möglichst sortenrein zu trennen.
Dadurch könnten feinere und gezielter einsetzbare Materialfraktionen gewonnen werden. Je besser die einzelnen Bestandteile voneinander getrennt werden, desto vielfältiger können sie erneut verwendet werden – beispielsweise bei der Herstellung von neuem Beton.
Ob man dabei von „Upcycling“ oder „Downcycling“ spricht, ist für Scharpf allerdings nicht der entscheidende Punkt. Die Begriffe könnten zwar dabei helfen, unterschiedliche Formen der Wiederverwendung zu beschreiben. Wichtiger sei ein anderer Grundsatz: „Ein Material darf den Materialkreislauf nicht verlassen!“
Welche konkrete nächste Nutzung sinnvoll ist, hängt aus seiner Sicht von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die technischen Möglichkeiten, die Transportentfernungen und natürlich auch das jeweilige Geschäftsmodell.
Recyclingbeton ist für Scharpf kein Sondermaterial. Er beschreibt ihn als „ein Material wie jedes andere“.
Die technischen Voraussetzungen seien grundsätzlich vorhanden. Materialprüfungen, Tauglichkeitsprüfungen und Qualitätsnachweise sind normativ geregelt. Betonhersteller können Recyclingbeton herstellen, wenn die notwendigen technischen Voraussetzungen und das entsprechende Know-how vorhanden sind.
Auch beim Zementbedarf sieht Scharpf keinen grundsätzlichen Nachteil: Entscheidend sei, welche Materialien miteinander verglichen werden.
Vergleicht man Recyclingmaterial mit gebrochenem Splitt, gebe es keinen signifikanten Unterschied. Rundkörnige Zuschläge, etwa gewaschener Flusskies, könnten aufgrund ihrer Kornform einen geringeren Zementbedarf haben. „Wenn ich Äpfel mit Äpfeln vergleiche, dann nicht“, sagt Scharpf.
Recyclingbeton kann seiner Ansicht nach daher grundsätzlich mit herkömmlichem Beton verglichen werden, der – im Rahmen der Normen – dieselben technischen Anforderungen erfüllt.
Eine der größten Herausforderungen sieht Scharpf im fehlenden Wissen und in den oft voneinander getrennten Zuständigkeiten innerhalb der Baubranche.
Planende, Bauunternehmen, Materialhersteller und Bauherren arbeiten häufig in voneinander getrennten „Silos“. Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft müsse jedoch stärker berücksichtigt werden, was mit einem Material über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg passiert.
Dabei sieht Scharpf alle Beteiligten in der Verantwortung.
Planer und Ingenieure müssen Bauherren auf die vorhandenen Möglichkeiten hinweisen. Hersteller müssen entsprechende Produkte entwickeln und anbieten. Bauherren wiederum müssen bereit sein, diese Lösungen einzusetzen und die dafür eventuell notwendigen Budgets bereitzustellen.
Neben dem technischen Wissen spielt auch die Einstellung eine wichtige Rolle. Recyclingbeton müsse als gleichwertiges Material verstanden werden und dürfe nicht als minderwertige Alternative gelten.
Das Ziel sollte sein, möglichst hohe Recyclingquoten zu erreichen.
Für die Zukunft des zirkulären Bauens plädiert Scharpf für mehr Augenmaß. Nicht jede Lösung müsse maximal ambitioniert sein. Viel wichtiger sei es, praktikable Ansätze möglichst breit umzusetzen.
„Nicht olympisch, sondern Breitensport“, beschreibt er diesen Ansatz.
Eine moderate und standardisierte Lösung, die in vielen Projekten eingesetzt wird, kann seiner Ansicht nach mehr bewirken als einzelne besonders spektakuläre Leuchtturmprojekte.
Genau darin liegt für Scharpf eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre: Zirkuläres Bauen muss aus der Nische herauskommen und zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Baupraxis werden.
Dafür braucht es technische Lösungen, verlässliche Normen und mehr Wissen. Vor allem aber müssen Materialien stärker danach beurteilt werden, ob sie technisch geeignet sind und im Kreislauf gehalten werden können – und nicht danach, woher sie ursprünglich stammen.
Zirkuläres Bauen beginnt mit der Bereitschaft, Materialien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten.
Für Michael Scharpf stehen dabei zwei Themen im Mittelpunkt: die Reduktion von CO₂-Emissionen und der Schutz natürlicher Ressourcen. Recyclingbeton kann vor allem dazu beitragen, Primärrohstoffe einzusparen und Materialien im Kreislauf zu halten.
Die technischen Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Entscheidend sind deshalb vor allem Wissen, die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette und die Bereitschaft, bestehende Prozesse weiterzuentwickeln.
Nicht einzelne Superlative werden das zirkuläre Bauen voranbringen, sondern Lösungen, die in der Breite funktionieren. Erst wenn Recycling und Wiederverwendung zum normalen Bestandteil der Baupraxis werden, kann zirkuläres Bauen wirklich zum Standard werden.
Dieser Wissensbaustein wurde am 3. Juni 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.
Unsere Gäste an diesem Tag waren:
Jasna Moritz, Dipl.-Ing. Architektin, Partnerin kadawittfeldarchitektur
Daniel Imhäuser, Gesellschafter und Geschäftsführer Blasius Schuster
Michael Scharpf, Leiter Nachhaltiges Bauen Holcim Deutschland