Zirkuläres Bauen: Materialien im Kreislauf halten

Veröffentlicht am 16.07.2026
Dieses Wissen wurde gestiftet von:
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
Stadtwerke Offenbach

Die Bauwirtschaft steht vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits muss sie ihren hohen CO₂-Ausstoß reduzieren, andererseits den Verbrauch natürlicher Ressourcen senken. Beides hängt zusammen – ist aber nicht dasselbe.

Michael Scharpf, Leiter Nachhaltiges Bauen bei Holcim Deutschland, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit nachhaltigem und zirkulärem Bauen. Für ihn beginnt der notwendige Wandel mit einem konsequenten Perspektivwechsel: Materialien sollten möglichst lange, eigentlich für immer, im Kreislauf bleiben und nicht nach einmaliger Nutzung zu Abfall werden.

Vom nachhaltigen Bauen zur Kreislaufwirtschaft

Scharpf beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, wie nachhaltiger gebaut werden kann. Seine berufliche Laufbahn begann als Architekt, später wechselte er in die Projektsteuerung. Mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) im Jahr 2007 rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie nachhaltiges Bauen in der Immobilienwirtschaft professionell umgesetzt werden kann.

Über die Gebäudezertifizierung führte sein Weg schließlich zu einem Hersteller von Zement- und Beton und Gesteinskörnung.

Heute beschäftigt er sich unter anderem damit, wie sich CO₂-Emissionen reduzieren und Ressourcen schonen lassen. Dabei sieht Scharpf zwei zentrale Themen, die nicht miteinander verwechselt werden sollten: den hohen CO₂-Fußabdruck des Zements und den großen Ressourcenverbrauch bei der Gesteinskörnung.

CO₂-optimierter Beton und Recyclingbeton setzen deshalb an unterschiedlichen Stellen an.

CO₂ reduzieren und Ressourcen schonen

Beton besteht im Wesentlichen aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser. Der Zement dient als Bindemittel und verursacht einen großen Teil des CO₂-Fußabdrucks. Die Gesteinskörnung wiederum dient als Trägermaterial, das Volumen und Stabilität verleiht. Sie stammt häufig aus natürlichen Rohstoffquellen.

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Die Gesteinskörnung besteht aus Sand, Kies oder Splitt. Sie macht den größten Teil des Betons aus und sorgt dafür, dass er fest, stabil und widerstandsfähig ist.

Für Scharpf ist deshalb wichtig, beide Themen getrennt zu betrachten.

„Mit dem Recyclingbeton hast du weder weniger noch mehr CO₂-Fußabdruck, aber du zahlst dann einfach auf ein anderes Konto ein, nämlich dass das Ressourcenschutz ist“, sagt er.

Recyclingbeton und CO₂-optimierter Beton verfolgen damit unterschiedliche Ziele. Sie können sich ergänzen, adressieren aber jeweils ein anderes Problem.

Bei CO₂-reduziertem Beton hält Scharpf Einsparungen von 30 bis 50 Prozent gegenüber dem Branchen-Referenzwert für realistisch. Je stärker der CO₂-Ausstoß reduziert wird, desto eher können sich allerdings Eigenschaften wie die Frühfestigkeit des Betons verändern.

Technisch sei das grundsätzlich kein Nachteil. Für Bauherren könne es jedoch relevant sein, wenn beispielsweise eine schnelle Fertigstellung angestrebt oder längere Nachbehandlung nicht gewünscht wird.

Recycling ist mehr als grobes Brechen

Beim heutigen Beton- und mineralischen Recycling sieht Scharpf noch Potenzial. Häufig werden Materialien derzeit vergleichsweise grob gebrochen und anschließend wieder eingesetzt. Für eine weitergehende Kreislaufwirtschaft müsse die Aufbereitung von Betongranulat noch differenzierter werden, um die Gesteinskörnung und den Zementleim in einem Beton möglichst sortenrein zu trennen.

Dadurch könnten feinere und gezielter einsetzbare Materialfraktionen gewonnen werden. Je besser die einzelnen Bestandteile voneinander getrennt werden, desto vielfältiger können sie erneut verwendet werden – beispielsweise bei der Herstellung von neuem Beton.

Ob man dabei von „Upcycling“ oder „Downcycling“ spricht, ist für Scharpf allerdings nicht der entscheidende Punkt. Die Begriffe könnten zwar dabei helfen, unterschiedliche Formen der Wiederverwendung zu beschreiben. Wichtiger sei ein anderer Grundsatz: „Ein Material darf den Materialkreislauf nicht verlassen!“

Welche konkrete nächste Nutzung sinnvoll ist, hängt aus seiner Sicht von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die technischen Möglichkeiten, die Transportentfernungen und natürlich auch das jeweilige Geschäftsmodell.

Recyclingbeton ist technisch möglich

Recyclingbeton ist für Scharpf kein Sondermaterial. Er beschreibt ihn als „ein Material wie jedes andere“.

Die technischen Voraussetzungen seien grundsätzlich vorhanden. Materialprüfungen, Tauglichkeitsprüfungen und Qualitätsnachweise sind normativ geregelt. Betonhersteller können Recyclingbeton herstellen, wenn die notwendigen technischen Voraussetzungen und das entsprechende Know-how vorhanden sind.

Auch beim Zementbedarf sieht Scharpf keinen grundsätzlichen Nachteil: Entscheidend sei, welche Materialien miteinander verglichen werden.

Vergleicht man Recyclingmaterial mit gebrochenem Splitt, gebe es keinen signifikanten Unterschied. Rundkörnige Zuschläge, etwa gewaschener Flusskies, könnten aufgrund ihrer Kornform einen geringeren Zementbedarf haben. „Wenn ich Äpfel mit Äpfeln vergleiche, dann nicht“, sagt Scharpf.

Recyclingbeton kann seiner Ansicht nach daher grundsätzlich mit herkömmlichem Beton verglichen werden, der – im Rahmen der Normen – dieselben technischen Anforderungen erfüllt.

Wissen und Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Eine der größten Herausforderungen sieht Scharpf im fehlenden Wissen und in den oft voneinander getrennten Zuständigkeiten innerhalb der Baubranche.

Planende, Bauunternehmen, Materialhersteller und Bauherren arbeiten häufig in voneinander getrennten „Silos“. Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft müsse jedoch stärker berücksichtigt werden, was mit einem Material über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg passiert.

Dabei sieht Scharpf alle Beteiligten in der Verantwortung.
Planer und Ingenieure müssen Bauherren auf die vorhandenen Möglichkeiten hinweisen. Hersteller müssen entsprechende Produkte entwickeln und anbieten. Bauherren wiederum müssen bereit sein, diese Lösungen einzusetzen und die dafür eventuell notwendigen Budgets bereitzustellen.

Neben dem technischen Wissen spielt auch die Einstellung eine wichtige Rolle. Recyclingbeton müsse als gleichwertiges Material verstanden werden und dürfe nicht als minderwertige Alternative gelten.

Das Ziel sollte sein, möglichst hohe Recyclingquoten zu erreichen.

Nicht die Superlative, sondern die breite Anwendung

Für die Zukunft des zirkulären Bauens plädiert Scharpf für mehr Augenmaß. Nicht jede Lösung müsse maximal ambitioniert sein. Viel wichtiger sei es, praktikable Ansätze möglichst breit umzusetzen.
„Nicht olympisch, sondern Breitensport“, beschreibt er diesen Ansatz.

Eine moderate und standardisierte Lösung, die in vielen Projekten eingesetzt wird, kann seiner Ansicht nach mehr bewirken als einzelne besonders spektakuläre Leuchtturmprojekte.

Genau darin liegt für Scharpf eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre: Zirkuläres Bauen muss aus der Nische herauskommen und zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Baupraxis werden.

Dafür braucht es technische Lösungen, verlässliche Normen und mehr Wissen. Vor allem aber müssen Materialien stärker danach beurteilt werden, ob sie technisch geeignet sind und im Kreislauf gehalten werden können – und nicht danach, woher sie ursprünglich stammen.

Fazit

Zirkuläres Bauen beginnt mit der Bereitschaft, Materialien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten.
Für Michael Scharpf stehen dabei zwei Themen im Mittelpunkt: die Reduktion von CO₂-Emissionen und der Schutz natürlicher Ressourcen. Recyclingbeton kann vor allem dazu beitragen, Primärrohstoffe einzusparen und Materialien im Kreislauf zu halten.

Die technischen Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Entscheidend sind deshalb vor allem Wissen, die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette und die Bereitschaft, bestehende Prozesse weiterzuentwickeln.

Nicht einzelne Superlative werden das zirkuläre Bauen voranbringen, sondern Lösungen, die in der Breite funktionieren. Erst wenn Recycling und Wiederverwendung zum normalen Bestandteil der Baupraxis werden, kann zirkuläres Bauen wirklich zum Standard werden.

Dieses Wissen wurde gestiftet von:

Michael Scharpf
Michael Scharpf ist Leiter Nachhaltiges Bauen bei Holcim Deutschland, einem der führenden Baustoffhersteller Deutschlands und eine Tochtergesellschaft des weltweit führenden Baustoffkonzerns Holcim Ltd.

Der gelernte Maurer verfügt über Studienabschlüsse in Architektur und Internationaler Betriebswirtschaftslehre. Nach beruflichen Stationen in Planungs- und Projektsteuerungsbüros hat er sich intensiv mit Nachhaltigem Bauen auf globaler Ebene, den damit verbundenen Zertifizierungen und Ökobilanzierungen beschäftigt.

2007 baute er für ARCADIS Deutschland die Nachhaltigkeitsberatung auf und war in dieser Funktion Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Hier wirkte Michael Scharpf bei der Systementwicklung des "Ur-Gütesiegels" mit und gehörte zu den ersten akkreditierten Auditoren für das DGNB-Label.

Als Vice-Chair des Concrete Sustainability Councils (CSC) führte Michael Scharpf ein global agierendes Zertifizierungssystem für nachhaltig hergestellten Beton ein.

Michael Scharpf ist Mitglied im Vorstand des IBU Institut Bauen und Umwelt e.V. Zusammen mit dem IBU baute er den EPD Generator für Zement- und Beton-EPDs bei Holcim auf.

Bei Holcim Deutschland berät Michael Scharpf Architekt:innen, Planer:innen und Unternehmen im Bau- und Immobiliensektor zu nachhaltigem Bauen und unterstützt die Einführung nachhaltiger Produktlinien, insbesondere CO2- und ressourcenoptimierter Zemente und Betone.

www.holcim.de
Stadtwerke Offenbach
Die Stadtwerke Offenbach Holding GmbH (SOH) ist ein zu 100 Prozent kommunales Unternehmen der Stadt Offenbach am Main.

Als Holding steuert und koordiniert sie 15 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften und übernimmt zentrale Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. Mit rund 1.000 Mitarbeitenden zählt die Unternehmensgruppe zu den wichtigsten kommunalen Dienstleistern der Region.

Die Geschäftstätigkeit der Stadtwerke Offenbach gliedert sich in die vier Bereiche Mobilität, Stadtservice, Immobilien und Veranstaltungen. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem der öffentliche Personennahverkehr, die Stadtreinigung und Abfallwirtschaft, die Entwicklung und Bewirtschaftung von Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie der Betrieb von Veranstaltungs- und Sportstätten.

Als kommunales Unternehmen verfolgt die Stadtwerke Offenbach Holding das Ziel, die Lebensqualität in Offenbach nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln. Durch Investitionen in Infrastruktur, Stadtentwicklung und moderne Dienstleistungen leistet die Unternehmensgruppe einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Entwicklung der Stadt. Dabei stehen Bürgerorientierung, Wirtschaftlichkeit und nachhaltiges Handeln im Mittelpunkt ihres Handelns.

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Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
2007 gegründet, ist die DGNB heute mit mehr als 2.800 Mitgliedsorganisationen das größte Netzwerk seiner Art in Europa und weltweit die Nummer zwei.

Übergeordnetes Ziel des Non-Profit-Vereins ist es, die Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft aktiv zu gestalten, das Verständnis für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bauweise zu fördern und dieses im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern.

Die DGNB setzt sich ein für nachweislich gute Gebäude, lebenswerte Quartiere und eine zukunftsfähige gebaute Umwelt.

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