Zirkuläres Bauen: Wie gebrauchte Bauteile eine zweite Chance bekommen

Veröffentlicht am 16.07.2026
Dieses Wissen wurde gestiftet von:
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
Stadtwerke Offenbach

Die Bauwirtschaft steht vor einer grundlegenden Frage: Wie lässt sich der hohe Verbrauch an Ressourcen reduzieren, ohne bei Sicherheit und Leistungsfähigkeit von Bauwerken Abstriche zu machen?

Eine mögliche Antwort liegt in der Wiederverwendung von Bauteilen. Statt Materialien nach dem Abriss möglichst schnell zu entsorgen, sollen sie so lange wie möglich im Kreislauf bleiben.

Patrick Teuffel ist Tragwerksplaner, Professor an der SRH School of Technology and Architecture in Berlin und Gründer von CIRCULAR STRUCTURAL DESIGN. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Tragwerksplanung und Kreislaufwirtschaft miteinander verbinden lassen.

Vom linearen zum zirkulären Bauen

Das klassische Bauen funktioniert meist nach einem linearen Prinzip: Rohstoffe werden gewonnen, zu Bauteilen verarbeitet, in Gebäuden eingesetzt und am Ende entsorgt.

Zirkuläres Bauen setzt genau an diesem Ablauf an. Materialien und Bauteile sollen möglichst lange genutzt, wiederverwendet oder in anderer Form weiterverarbeitet werden.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Türen, Fenster oder andere Ausbauprodukte. Auch tragende Bauteile rücken zunehmend in den Fokus. Betonfertigteile, Stahlträger und Stützen enthalten große Mengen an Material und bieten deshalb ein erhebliches Potenzial, Primärrohstoffe und CO₂-Emissionen einzusparen.

Wiederverwendung beginnt beim Rückbau

Damit Bauteile später wieder eingesetzt werden können, muss der Rückbau von Anfang an entsprechend geplant werden.

Ein Gebäude vollständig mit dem Bagger abzureißen und anschließend nach verwertbaren Bauteilen zu suchen, eignet sich für eine hochwertige Wiederverwendung kaum. Stattdessen müssen Bauteile möglichst selektiv und zerstörungsfrei ausgebaut werden.

Dafür ist bereits vor dem Rückbau eine genaue Bestandsaufnahme notwendig. Es wird dokumentiert, welche Bauteile vorhanden sind, welche Eigenschaften sie besitzen und ob möglicherweise Schadstoffe enthalten sind.

Gerade bei tragenden Bauteilen spielt die Qualitätssicherung eine wichtige Rolle. Vorhandene Planungsunterlagen und statische Berechnungen können wichtige Informationen liefern. In der Regel müssen sie jedoch durch zusätzliche Materialprüfungen ergänzt werden.

Je nach Material kommen unterschiedliche zerstörende und zerstörungsfreie Verfahren zum Einsatz. Bei Beton kann beispielsweise die Druckfestigkeit untersucht werden. Auch die vorhandene Bewehrung lässt sich mit geeigneten Methoden erfassen.

Auf dieser Grundlage kann anschließend beurteilt werden, ob und unter welchen Bedingungen ein Bauteil erneut eingesetzt werden kann.

Die Herausforderung des Bauteil-Matchings

Eine der größten Herausforderungen des zirkulären Bauens besteht darin, gebrauchte Bauteile mit neuen Bauprojekten zusammenzubringen.

Während ein Planungsteam die Anforderungen eines neuen Projekts entwickelt, muss gleichzeitig geprüft werden, welche passenden Bauteile überhaupt verfügbar sind. Dabei reicht es nicht aus, lediglich festzustellen, ob ein Bauteil grundsätzlich passen könnte.

Auch technische Eigenschaften, Maße, Verfügbarkeit, Zeitpunkt und Standort spielen eine Rolle.

Künstliche Intelligenz könnte diesen Prozess künftig unterstützen. In einem Forschungsprojekt mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz wird untersucht, wie ein entsprechendes Werkzeug funktionieren könnte.

Ein solches System könnte verschiedene Parameter miteinander verknüpfen und beispielsweise Bauteile vorschlagen, die zu einem bestimmten Projekt, einem bestimmten Zeitraum und einem bestimmten Standort passen.

Wirtschaftliche Chancen trotz höherem Planungsaufwand

Zirkuläres Bauen ist nicht automatisch günstiger als konventionelles Bauen. Der selektive Rückbau, die Dokumentation und die technische Prüfung gebrauchter Bauteile verursachen zunächst zusätzlichen Aufwand.

Dem stehen jedoch mögliche Einsparungen bei Material- und Entsorgungskosten gegenüber. Werden Bauteile wiederverwendet, müssen sie nicht entsorgt und durch neue Produkte ersetzt werden. Gleichzeitig lassen sich Primärressourcen und Emissionen einsparen.

Wie groß das wirtschaftliche Potenzial sein kann, zeigt ein Beispiel aus Berlin. Rund 40 Tonnen Stahl, die zuvor für temporäre Baustellenkonstruktionen verwendet wurden, sollen in einem neuen Bauvorhaben erneut zum Einsatz kommen.
Das zeigt, die Wiederverwendung kann dabei rund 30 Prozent günstiger sein als der Einsatz von neuem Stahl.

Rechtliche Fragen werden zunehmend geklärt

Neben technischen und wirtschaftlichen Aspekten spielen auch rechtliche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Inzwischen beschäftigen sich verschiedene Leitfäden und Rechtsgutachten mit der Wiederverwendung von Bauteilen.
Eine zentrale Frage lautet: Wann wird ein ausgebautes Bauteil rechtlich zu Abfall?

Ist die Wiederverwendung bereits vorgesehen, wird das Bauteil nach mehreren Rechtsgutachten nicht automatisch zu Abfall und unterliegt damit nicht zwingend dem Abfallrecht. Diese Entwicklung kann die Planung und Umsetzung zirkulärer Bauvorhaben erleichtern.

Leitfäden schaffen darüber hinaus Orientierung für Bauherren, Planende und Projektverantwortliche. Sie ersetzen zwar keine verbindlichen Normen, können aber helfen, Unsicherheiten abzubauen und mehr Sicherheit im Umgang mit gebrauchten Bauteilen zu schaffen.

Das Tragwerk bietet besonders großes Potenzial

Gerade tragende Bauteile sind für die Kreislaufwirtschaft von besonderer Bedeutung. Das Tragwerk macht einen erheblichen Anteil der Masse eines Gebäudes aus. Werden diese Bauteile wiederverwendet, können entsprechend große Mengen an Primärmaterial eingespart werden.

Besonders geeignet sind beispielsweise Betonfertigteile. Sie werden häufig modular hergestellt und lassen sich dadurch vergleichsweise gut trennen und erneut einsetzen.

Damit das funktioniert, muss die Wiederverwendung allerdings bereits bei der Planung neuer Gebäude mitgedacht werden.

Ein zirkuläres Gebäude sollte deshalb nicht nur heute möglichst ressourcenschonend errichtet werden. Es sollte auch so geplant sein, dass seine Bauteile später möglichst einfach ausgebaut, getrennt und erneut verwendet werden können.

Der Wandel beginnt in Planung und Ausbildung

Die Bauwirtschaft ist traditionell von hohen Sicherheitsanforderungen und langen Planungszyklen geprägt. Veränderungen setzen sich deshalb häufig nur langsam durch. Gleichzeitig wächst das Interesse an zirkulären Lösungen.

Immer mehr Bauherren formulieren nachhaltige und zirkuläre Ziele bereits zu Beginn eines Projekts. Die technischen Herausforderungen sind grundsätzlich lösbar. Eine zentrale Aufgabe bleibt jedoch, Angebot und Nachfrage besser zusammenzubringen.

Damit gebrauchte Bauteile künftig selbstverständlich wieder eingesetzt werden können, braucht es deshalb verlässliche Strukturen und geeignete Marktplätze. Das gilt insbesondere für tragende Bauteile, deren technische Eigenschaften genau bekannt sein müssen.

Auch die Ausbildung spielt eine wichtige Rolle. Themen wie Circular Economy und zirkuläres Bauen werden zunehmend in Studiengängen vermittelt. Dadurch wächst eine Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren heran, für die die Wiederverwendung von Bauteilen stärker zum selbstverständlichen Bestandteil des Planens gehört.

Fazit

Die Wiederverwendung von Bauteilen kann einen wichtigen Beitrag leisten, um Ressourcenverbrauch und CO₂-Emissionen im Bauwesen zu reduzieren.

Dafür braucht es allerdings neue Planungsprozesse: vom sorgfältig vorbereiteten Rückbau über die technische Prüfung bis hin zur passenden Vermittlung zwischen verfügbaren Bauteilen und neuen Bauprojekten.

Die technischen Herausforderungen sind grundsätzlich lösbar. Entscheidend ist, dass zirkuläres Bauen zunehmend als selbstverständlicher Bestandteil der Planung verstanden wird.

Forschung, praktische Projekte und eine entsprechend ausgebildete nächste Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren können diesen Wandel weiter beschleunigen.

Die Wiederverwendung tragender Bauteile steht noch am Anfang. Das Potenzial ist jedoch groß – und könnte die Baupraxis der Zukunft nachhaltig verändern.

Dieser Wissensbaustein wurde am 3. Juni 2026 im Circle Cube in Offenbach aufgezeichnet.

Unsere Gäste an diesem Tag waren:

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Prof. Dr.-Ing. Patrick Teuffel
Patrick Teuffel ist Tragwerksplaner, Professor und Gründer an der Schnittstelle von Tragwerksplanung und Kreislaufwirtschaft.

Als Gründer von CIRCULAR STRUCTURAL DESIGN und Professor an der SRH Berlin verbindet er ingenieurtechnische Praxis mit angewandter Forschung.

Seine Arbeit konzentriert sich auf Life-Cycle-Driven Design, Urban Mining und die Wiederverwendung tragender Bauteile. Er verantwortet Beiträge zum EU-Projekt ReCreate zur Wiederverwendung von Betonbauteilen sowie zu MIRAKEL, einem KI- und Mixed-Reality-basierten System für Pre-Demolition-Audits. Mit knapp 30 Jahren Erfahrung arbeitet er daran, das Bauen zirkulärer zu machen.

www.circular-structural-design.eu
Stadtwerke Offenbach
Die Stadtwerke Offenbach Holding GmbH (SOH) ist ein zu 100 Prozent kommunales Unternehmen der Stadt Offenbach am Main.

Als Holding steuert und koordiniert sie 15 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften und übernimmt zentrale Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. Mit rund 1.000 Mitarbeitenden zählt die Unternehmensgruppe zu den wichtigsten kommunalen Dienstleistern der Region.

Die Geschäftstätigkeit der Stadtwerke Offenbach gliedert sich in die vier Bereiche Mobilität, Stadtservice, Immobilien und Veranstaltungen. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem der öffentliche Personennahverkehr, die Stadtreinigung und Abfallwirtschaft, die Entwicklung und Bewirtschaftung von Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie der Betrieb von Veranstaltungs- und Sportstätten.

Als kommunales Unternehmen verfolgt die Stadtwerke Offenbach Holding das Ziel, die Lebensqualität in Offenbach nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln. Durch Investitionen in Infrastruktur, Stadtentwicklung und moderne Dienstleistungen leistet die Unternehmensgruppe einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Entwicklung der Stadt. Dabei stehen Bürgerorientierung, Wirtschaftlichkeit und nachhaltiges Handeln im Mittelpunkt ihres Handelns.

www.offenbach.de
Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.
2007 gegründet, ist die DGNB heute mit mehr als 2.800 Mitgliedsorganisationen das größte Netzwerk seiner Art in Europa und weltweit die Nummer zwei.

Übergeordnetes Ziel des Non-Profit-Vereins ist es, die Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft aktiv zu gestalten, das Verständnis für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bauweise zu fördern und dieses im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern.

Die DGNB setzt sich ein für nachweislich gute Gebäude, lebenswerte Quartiere und eine zukunftsfähige gebaute Umwelt.

www.dgnb.de